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Zu Fuß auf dem Weg – das Ziel immer im Blick

In ein paar Tagen ist es wieder soweit: Ich setze meinen Pilgerweg fort. Diesmal beginne ich im Süden Frankreichs und werde – so Gott will – Pamplona in Spanien erreichen. Ausblicke 001

Aufgebrochen bin ich vor vier Jahren. Eigentlich wollte ich nur einmal erfahren, wie es ist, ein paar Tage mit dem Nötigsten auf dem Rücken loszumarschieren, immer der Sonne nach, ohne zu wissen, wo ich am Abend ankommen und wohin ich am Morgen weitergehen werde. Trier war das Ziel, und der Jakobsweg kreuzte in der Eifel meinen Weg. Er ließ mich nicht mehr los, und als ich in Trier angekommen war, besorgte ich mir den „Pilgerausweis“. Das Ziel heißt nun nicht mehr Trier, sondern Santiago de Compostela.

 

Pilgerwege oder Wallfahrten haben eine lange Tradition. Mal erlebten sie eine Hoch-Zeit, mal verschwanden sie fast von der Bildfläche. Heute scheinen sie eine neue Faszination auf die Menschen auszuüben. Die Pilgerzahlen steigen stetig. Jeder Jakobsweg beginnt an der eigenen Haustür und führt nach Spanien zum Grab des Apostels Jakobus. Es gibt viele verschiedene Routen, vier Hauptrouten durch Frankreich und einen Hauptweg (Camino Frances) durch Spanien, daneben zahlreiche Alternativen. Seit den 1970er Jahren hat die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg einen großen Aufschwung erlebt. 1982 rief Papst Johannes Paul II auf, seine Wurzeln wieder zu beleben. Der Europarat erklärte fünf Jahre später den Weg zum ersten europäischen Kulturweg. Wurden damals gut 3.000 Pilger pro Jahr registriert, waren es im Jahr 2015 über 262.000 aus allen Ländern der Erde. Sie haben entweder den ganzen Weg oder den Weg durch Spanien, mindestens aber die letzten 100 Kilometer der Strecke zu Fuß bzw. zu Pferd oder die letzten 200 Kilometer per Fahrrad zurückgelegt. Dies wird mit Stempeln von einzelnen Stationen in einem Pilgerausweis verzeichnet und berechtigt zur Nutzung der preisgünstigen Pilgerherbergen und zum Tragen der entsprechenden Abzeichen. In Santiago erhalten die Pilger eine Urkunde, die „Compostela“.Pilgerpass 001

Ich pilgere in Etappen. Waren es zu Beginn ein- und zweiwöchige Etappen, laufe ich nun zum dritten Mal drei ganze Wochen am Stück, jeden Tag im Schnitt rund 25 Kilometer. Fast habe ich Frankreich zu Fuß durchquert, habe die schönsten Regionen wie das Burgund oder das Aubrac ganz intensiv erlaufen. Prasselnder Regen, schneidende Kälte auf der Hochebene, flimmernde Hitze, verlassene Dörfer und immer wieder Kirchen und Klöster. Hierhin zieht es alle, die auf dem Weg sind. Sakrale Gebäude vermitteln eine besondere Atmosphäre. Sie bieten manchmal auch einfach ein Dach, eine Bank zum Ausruhen. Sie laden ein zum Innehalten, zur Ruhe, zum Gesang. In ihnen sind Symbole zu entdecken, die Glaube und Leben zusammenbringen und die Andacht fördern. Hier fühle ich mich Gott besonders nah, hier kann ich einiges über ihn erfahren.

Wahrscheinlich sind Pilger heutzutage nicht mehr aus den gleichen Gründen unterwegs wie noch im Mittelalter. Heute suchen Pilger Ruhe und Entspannung vom Stress in Alltag und Beruf. Und sie suchen Antworten auf ihre Sinnfragen. Die Konfession spielt auf dem Weg kaum eine Rolle: Jeder und jede kann pilgern. Ich muss nicht alles neu erfinden. Ich darf mich auf Bewährtes einlassen, das mir Hilfe anbietet. Dies ist auch für mich ein starkes Motiv. Ich begebe mich auf den Weg und laufe einfach weiter – ein stetiges Wiederholen von Laufen, Essen, Schlafen…

Die Tagesroutine ist sehr hilfreich. In den ersten Tagen einer jeden Etappe prasseln noch die Gedanken auf mich ein: Familie, Arbeit, Routenplanung, habe ich alles erledigt? Aber mit jedem Tag unterwegs entferne ich mich mehr aus dem Alltag und befasse mich mit banaleren Dingen. Alles wird einfach, ich möchte nur eine Dusche und ein Bett. Beim Einkaufen nehme ich nur das, was ich auch in genau dem Moment essen und trinken möchte, jedes Gramm im Rucksack zählt. Mitpilger lernt man kurz, aber ganz intensiv kennen. Stundenlang erzählt man über alles, was gerade in den Sinn kommt, Alltägliches und Tiefgreifendes oder auch ganz Privates. Manchmal ertappe ich mich aber auch dabei, wie ich an gar nichts denke – nur an den nächsten Schritt. Es ist eine sehr intensive Zeit.

LePuyZu Beginn des Weges, vor allem in Lothringen, aber auch in der Auvergne war ich teilweise ganz alleine unterwegs, manchmal tagelang, ohne andere Pilger zu treffen. Ab Le Puy en Velay sind nun viele Pilger auf dem Weg, in Spanien soll es dann sogar richtig „voll“ werden. Mitpilger erkenne ich an der Muschel am Rucksack. Die Jakobsmuschel öffnet Türen. Franzosen halten neben einem mit dem Auto an und helfen dabei den rechten Weg aus einer Stadt zu finden, Wasserflaschen werden gefüllt und sogar Kaffeeeinladungen oder eine Schale Erdbeeren geschenkt. „Buen Chemin“ ist der allgegenwärtige Gruß. Wenn ich dann die Pyrenäen überschritten habe, wird es ein „Buen Camino“ werden.

Vorbereitet habe ich mich diesmal ganz besonders. Ich bin mit der St. Matthias Pilgergemeinschaft aus St. Kilian Anfang Mai gepilgert – eine Wallfahrt auf katholisch. In einer Gemeinschaft von 60 Pilgern ging es bei bestem Maiwetter in fünf Tagen auf 160 Kilometer nach Trier. Dies war eine besonders intensive Erfahrung, eine starke Gemeinschaft, die uns evangelische Mitpilger (ja, es gibt ein paar Wiederholungstäter) ganz herzlich aufgenommen hat. Ein klar strukturierter Tagesablauf, gut organisiert und mit vielen geistlichen Impulsen angereichert. Ich konnte viele Fragen zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten unseres Glaubens stellen und kann mit einstimmen in das Motto: „Watt hammer doch en schön Reljon.“Trierpilgern2016

Pilgern führt einen wieder näher an die Religion. Der christliche Glaube spielt heutzutage im Alltag nicht mehr die gleiche Rolle wie in früheren Zeiten. Viele christliche Glaubensaussagen sind heute in ihrer Bedeutung nicht mehr gut nachvollziehbar. Menschen sehnen sich nach Erfahrungen, die ihnen den Glauben nahebringen. Das Unterwegssein auf dem Pilgerweg als verdichteter Lebensweg bietet uns in der Stille und im Gehen neue Zugangsmöglichkeiten.

Für mich wird auch die europäische Geschichte auf dem Weg erlebbar, begleitet er doch über 1.000 Jahre die Menschen auf dem Weg zum Ziel. Städte, Klöster, Kirchen und auch Brücken machen die Geschichte spürbar. Heute hat man sicherlich andere Möglichkeiten als im Mittelalter nach Santiago de Compostela zu gelangen, aber den Weg zu laufen, bringt uns ganz nah an das, was wir wirklich brauchen – Ruhe und Kraft und innere Zufriedenheit.

Barbara Niedeggen

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